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2007

Juni

Ein Lied geht um die Welt…

Impressionen vom Räshit-Vahapov-Festival in Berlin

Von Mieste Hotopp-Riecke, Berlin

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Alles begann mit einem Missverständnis. Eine tatarische Freundin aus Donezk berichtete mir von einer neuen Bekanntschaft. Sie habe den Sohn eines bekannten Mannes kennen gelernt. Er heiße Temur Vahapov, spiele exzellent Violine und wohne in Berlin. In Kazan berichtete ich von dieser neuen Bekanntschaft und erntete nur ungläubige Blicke. Die einhellige Meinung dazu war: „Nein, unmöglich, Räshit Vahapov hat keine Kinder hinterlassen!“
Zurück in Berlin ließ mich due Geschichte nicht los. Nach einigen Telefonaten und einem Treffen lüftete sich der Schleier um diesen mysteriösen Sohn. Temur efendi wird Vakhabov geschrieben und ist der Sohn eines bekannten Mannes der krimtatarischen Nationalbewegung und also mit Räshit Vahapov nicht verwandt [siehe unten]. Jedoch führte mich dieser Künstler wieder näher an ein Thema heran, mit dem ich mich schon im vorigen Jahr beschäftigt hatte: Das Internationale Räshit-Vahapov-Festival. Der junge Violinist studierte nämlich just an der Musikhochschule, in deren Theater das diesjährige Berliner Vahapov-Festival stattfinden sollte, im „Weiten Theater Berlin“. Die Kooperation zwischen der Musikhochschule „Hans Eisler“ respektive „Das Weite Theater“ und dem Verein „Tatarlar Deutschland“ hat dieses große Ereignis im kulturellen Leben von Berlin-Lichtenberg möglich gemacht. Neben dem hohen künstlerischen Niveau und der professionellen Organisation besticht dieses Festival durch seine Internationalität gleich im doppelten Sinne: Einerseits nehmen tatarische Künstlerinnen aus den verschiedensten Ländern der Welt daran teil, andererseits ist dieses Festival durch unterschiedliche Staaten unterwegs, in diesem Jahr sogar in Ostturkestans Hauptstadt Urumçi (Provinz Xinxiang, China). Bei meinem Besuch des Räshit Vahapov-Festivals 2006 im Russischen Haus der Kultur in Berlin, hörte ich ich das erste Mal die klare reine Stimme des großen tatarischen Sängers Vahapov. Erinnerungen an meine Kinderzeit wurden wach. Die Lieder Vahapovs lüftetetn in mir den Schleier der Vergangenheit, Assoziationen zu den Stimmen der großen Tenöre Richard Tauber und Joseph Schmidt wurden geweckt. Beide waren berühmte Stars ihrer Zeit, wurden aber wie Vahapov nicht viel älter als fünfzig Jahre. Meine Eltern hatten Schallplatten von ihnen zu Haus, die ich mir gerne anhörte. Wie bei der Stimme Vahapovs fühlt man eine Leichtigkeit, eine klare sonnige Weite die durch diese kristallklaren Stimmen erzeugt wird. Zu dem Vahapov-Festival 2007 in Berlin waren nicht nur tatarische, russische, türkische und ukrainische Gäste gekommen, sondern auch deutsches Publikum wollte sich diesen Abend tatarischer Kultur nicht entgehen lassen. Ein besonderer Gast war Dorit Klebe von der Universität der Künste, Spezialistin für orientalische Musik und Musikethnologie. Sie ist Begründerin der Studiengruppe „Music of the Turkic speaking World“ (Musik der turksprachigen Welt / Musik v turkskii Mir) innerhalb der „International Council for tarditional Music“. Diese internationale Vereinigung ist von der UNESCO als Partner anerkannt und ist angesiedelt an School of Music an der Australischen National Universität in Canberra. Die Studiengruppe „Music of the turkic Speaking World wurde in Sheffield (Großbritanien) 2006 gegründet. Vom 4.-11. Juli gab es nun einen internationalen Kongress zu Musikethnologie in Wien geben, an dem die Studiengruppe beteiligt ist. Klebe bedauert, das bisher keine Anmeldungen von tatarischen Musikwissenschaftlern vorlägen. „Musikethnologen und Musikologen aus Mittelasien, dem Nahen Osten und der Türkei haben ihre Teilnahme bereits zugesagt.“ Ein nächstes Treffen sei für den kommenden Oktober. Zusammen mit einer usbekischen Wissenschaftlerin von der School of Oriental and African Studies (SOAS, University London) organisiert Dorit Klebe diese internationalen Treffen. Bei Interesse seitens tatarischer Wissenschaftler solle man sich direkt bei ihr im Sekretariat melden, so Klebe. [siehe unten]
Besonders wertvoll und untersuchenswürdig seien vor allem der tatarische Instrumentalstil, der tatarische Vokalstil und die Besonderheiten des „ozon köy“. Als einen der derzeit besten Vertreter dieser tatarischen Gesangskunst wertet der Musikwissenschaftler Ildar Kharissov aus Berlin den Künstler Filius Kahirov. Die große Bandbreite der „ozon köy“ Tradition beeindruckte ebenfalls Dorit Klebe.
Beim Vahapov-Festival in Berlin habe sie mehrere Male eine Gänsehaut bekommen, gab sie zu. Die Atmosphäre sei so offen, herzlich und gleichzeitig so angefüllt mit exzellenter tatarischer Musik gewesen begeistert sich Klebe: „So eine konzentrierte und dabei überschwänglich herzliche Atmosphäre begegnete mir so noch einmal in der Türkei, obwohl die Türken berühmt sind für ihre Gastfreundschaft. Insgesamt seien ihr das hohe künstlerische Niveau und die Professionalität der Musikerinnen aufgefallen. Und auch bei der Abschlussfeier auf der Terasse des „Weiten Theaters“ seien ihr die verschieden tatarischen Tanzstile aufgefallen, ganz zu Schweigen von der enormen Bandbreite tatarischer Musik, von Pop-Musik über Folklore bis zu Rap.
Zum Wirken von Räshit Vahapov führte Klebe aus, dass sie erst durch das Kennenlernen von Tonfolgen und auch Musikinstrumenten aus Mittelasien und Tatarstan die heutige zeitgenössische Klassik der Türkei richtig verstehen würde. Ohne ihre Wurzeln in Turkestan und Tatarstan wäre zum Beispiel die Kunstmusik der osmanischen Paläste nicht denkbar. Andererseits hat sich die tatarische Volksmusik eigenständig entwickelt und träfe sich in der Person Räshit Vahapovs mit zeitgenössischer westlicher Klassik. Auch oben erwähnte Tenöre Schmidt und Tauber waren in Populärmusik und Klassik zu Hause gewesen, was nicht als Widerspruch gelten muss.
Auch Temur Vakhabov betont die Eigenständigkeit und Besonderheit der tatarischen Volksmusik. Die Unterschiede zur krimtatarischen Musik seien schon enorm. Trotzdem oder gerade deshalb wäre ein Vahapov-Fetsival auf der Krim für beide Musik-Stile eine Bereicherung. Wenn ein Vahapov-Festival in Simferopol oder Jalta stattfinden könnte, könnte dies für tatarische Künstler beider Völker sicher eine fruchtbare Erfahrung werden, meint Vakhabov. Er würde auf jeden Fall gern dabei sein, wenn die Stafette der Vahapov-Festivals auch die Grüne Insel (Yeşil Ada) seiner Vorfahren erreichen würde.
Unzweifelhaft ein Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Aydar Gaynullin, dem Meister am Bajan. Bei der Uraufführung seines neuesten selbst komponierten Stückes „Eurasia“ konnten die Zuschauer das Ochotskische Meer hören, mit der Musik durch Zentralasien reiten und sich schließlich bei ausgelassenem Tanz in Tatarstan wiederfinden. Einzigartig war dieses furiose Duett mit seiner Partnerin Lena, die Melodiebögen und Rhythmen wurden einander zugespielt, gefangen und erwidert. Auch die grandiosen Auftritte von der Berlinerin Güzäl Kurmaeva, von Elina Shihabetdinova aus Riga und Filius Kahirov wurden mit begeistertem Applaus bedacht.
Alle Zuschauer – Musikliebhaber und auch Wissenschaftler – waren sich darin einig, das die große Leistung des Vahapov-Festivals darin besteht, tatarische Künstler von Helsinki bis Kasan, von Moskau bis Berlin zusammen zu führen um die tatarische Kultur überall bekannter zu machen.
Jeder Mensch in Deutschland kennt „Ein Lied geht um die Welt…“ des Tenors Joseph Schmidt, obwohl dieser bereits seit über 60 Jahren tot ist. Bei der steigenden Beliebtheit und dem Erfolg der Internationalen Räshit Vahapov Festivals wäre es zu wünschen, wenn auch immer mehr Menschen von der Krim bis Skandinavien die brillante Stimme des großen tatarischen Künstlers unvergesslich im Gedächtnis behalten würden.

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Vahapov Festival auf der Krim?

foto-1-temur-vakhabov.jpgTemur Vakhabov, Berlin
Geboren in Usbekistan, wohin seine Eltern deportiert worden waren, lebt er heute in Berlin. Er studierte an der Musik-Hochschule Hans Eisler in Berlin. Seine Übersiedlung nach Berlin verdiente er sich mit dem Musizieren auf krimtatarischen Hochzeiten. Dies war auch eine harte aber gute Schule für ihn: Ohne die so erworbenen Fähigkeiten wäre er wohl nicht an der Musikhochschule angenommen worden. Seit dem Juli 2007 ist T. Vakhabov der einzige tatarische Künstler der „Philharmonie der Nationen“. Dieses Orchester vereint Musikerinnen aus über vierzig Ländern der Erde unter der Leitung von Justus Frantz, einem engen Vertrauten von Leonard Bernstein. Das Motto dieses multinationalen Orchesters ist: „In der Welt zu Hause“. (www. justus-frantz.com)

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Mit Tataren forschen…

foto-2-dorit-klebe.jpg Dr. Doris Klebe, Berlin
Sie lebt heute in Berlin, arbeitet als Musikethnologin,. Musikpädagogin und Türkologin an der Universität der Künste Berlin und in Österreich. Sie verfasste zahlreiche Artikel und Bücher zu Musik im Orient, islamischer Kunst und multikultureller Musikpädagogik.
E-mail: dorit.klebe@web.de