Zum 104. Geburtstag des tatarischen Dichters Musa Dschalil

In Lichtenberg ist es seit einigen Jahren gute Tradition geworden, dass des tatarischen Dichters Musa Dschalil und seiner 10 Genossen gedacht wird, die 1944 durch das Fallbeil in Plötzensee hingerichtet wurden. Denn neben den deutschen Nazigegnern aus dem kirchlichen, kommunistischen, bürgerlichen und jüdischen Widerstand wurden in Plötzensee Angehörige zahlreicher Nationen ermordet, unter anderem die Tataren um Musa Dschalil.

Geboren am 2. Februar 1906 wuchs dieser in einer tatarischen Familie auf. In der Nähe seines Heimatortes Mustafino im Gouvernement Orenburg erhielt er seine erste Bildung in der Koranschule Hussainiye. Bereits als Jugendlicher gründet er die kommunistische Jugendorganisation „Rote Blume“ im Gebiet Orenburg und veröffentlicht 1919 in der Zeitschrift „Kysyl Juldus“ (Roter Stern) erste Gedichte unter dem Pseudonym ,Ketschkäne Dshälil‘ (Der kleine Dschalil). Dann erhält er weitere Bildung an den Partei-Militärschulen Orenburg und Kasan und studiert ab 1927 an der Moskauer Staatsuniversität. Musa Dschalil schreibt Bühnenstücke, Gedichte, gibt Kinderzeitschriften heraus und ist ab 1939 Vorsitzender des tatarischen Schriftstellerverbandes in Kasan.

Kurz nach Kriegsbeginn in die Rote Armee einberufen, arbeitet er ab September 1941 an der Volchov-Front in der Redaktion der Zeitung Otvaga (Der Mut). Nach einer Verwundung und Gefangennahme durch die Wehrmacht 1942 findet sich Musa Dschalil wie viele tausend andere Rotarmisten der Wolga-Ural-Völker in den „Ost-Legionen“ der Wehrmacht wieder. Für Tataren, Baschkiren, Tschuwaschen, Udmurten, Mari und Mordowinen wurde die Legion „Idel-Ural“ (tat.: Wolga-Ural) eingerichtet. Die meisten der Legionäre hatten nur die Wahl zwischen Verhungern und Erfrieren im Kriegsgefangenenlager oder dem Dienen als Legionär. Dschalil organisierte innerhalb der Legion eine antifaschistische Untergrundorganisation, wurde verraten und am 10. August 1943 verhaftet. Abgeurteilt vom Reichskriegsgerichts Dresden wegen Desertion, wurde er im Zellengefängnis Berlin-Moabit inhaftiert, wo er auch seine später weltbekannten Gedichte schrieb, herausgeschmuggelt von Mitgefangenen. Am 24. August 1944 wurde er mit seinen Gefährten in Plötzensee hingerichtet.

Im Mai 1945 drangen sowjetische Truppen beim Sturm auf Berlin auch ins Wehrmachtsgefängnis Lehrter Straße vor. Das Gefängnis war bereits geräumt. Der Wind trieb Müll über den leeren Hof. Auf einem Stück Papier entdeckte ein Soldat russische Buchstaben. Es war eine herausgerissene deutsche Buchseite. Er hob sie auf und las: „Ich, der bekannte tatarische Dichter Mussa Dschalil, politischer Häftling im Wehrmachtsgefängnis Moabit, werde wahrscheinlich bald erschossen. Falls diese Notiz einem Russen in die Hände fällt, soll er bitte Grüße an meine Schriftstellerkollegen in Moskau übermitteln.“ Dann folgten die Namen der Schriftsteller und die Adresse von Familie Dschalil.
So gelangte die erste Nachricht vom Widerstand des tatarischen Dichters in seine Heimat. Bald nach Beendigung des Krieges fanden auch die zwei kleinen selbstgefertigten Hefte, die etwa hundert Gedichte enthalten auf Umwegen, über Frankreich und Belgien, den Weg nach Kasan. Franz von Hammerstein sagte dazu: „Musa Dschalil schreibt wie Albrecht Haushofer über seine Schuld, seine Hoffnungen, seine Liebe zur Heimat. Es ist ein Wunder, dass uns diese Zeugnisse aus dem Gefängnis, Zeugnisse von Ermordeten überliefert wurden, ähnlich wie auch die Gedichte und Schriften Dietrich Bonhoeffers oder Helmuth von Moltkes, die Harald Poelchau aus dem Gefängnis schmuggelte. Dies waren lebensgefährliche Taten.“ Als Lyrikband wurden seine Gedichte in der  Sowjetunion erstmals 1953 von Konstantin Simonow herausgegeben und kehrten als ‚Moabiter Hefte’ (tatarisch: Moabit däftäre, russ.: Моаби́тская тетра́дь) dann auch nach Deutschland Ost, in die DDR, zurück. Sie erfuhren etliche Auflagen, wie auch in anderen Sprachen von Ungarisch bis Koreanisch. Von hoher Qualität ist besonders die deutsche Übersetzung von Helmut Preißler und Wilhelm Tkaczyk auf der Basis von Interlinearübersetzungen des tatarischen Originals aus dem Berliner Verlag Volk und Welt (1977).

Der Turkologe Prof. Dr. Mark Kirchner schreibt in seinem Artikel „Aspekte der Erinnerung“, daß die Dschalil-Rezeption mit dem Verschwinden der DDR abgenommen habe, jedoch „bleibt Musa Dschälil der Literat, der die tatarische Dichtung weit über die Grenzen seiner Heimat in zahlreichen Sprachen bekannt gemacht hat. Musa Dschälil wird damit einerseits nach dem Ende der Sowjetunion zu einer Identifikationsfigur im Kontext der nationalen Wiederbesinnung der Tataren, auf der anderen Seite repräsentiert er den heldenhaften Kampf der Völker Russlands als Ganzes im Großen Vaterländischen Krieg“. In der Hauptstadt Tatarstans trägt das größte Theater seinen Namen, etliche Plätze, Straßen und Institutionen sind nach ihm benannt und am Dschalil-Denkmal vor dem Kasaner Kreml legen frisch Vermählte ihre Blumen nieder. Auch in Deutschland wird in den letzten Jahren wieder vermehrt auf Dschalil aufmerksam gemacht: Unterschiedliche Vereine, Institute und Publizisten widmen sich dem Erbe des großen Humanisten Dschalil. Ein Dschalil-Archiv ist im Aufbau (Trialog e.V. in Kooperation mit ICATAT), Veranstaltungen in Dresden, Frankfurt und Berlin zum Todestag im August sind geplant, Neuübersetzungen direkt aus dem Tatarischen ins Deutsche sind derzeit in Arbeit.

Nunmehr wird an unterschiedlichen Plätzen Berlins des Dichters und seiner Gefährten gedacht: Auf Initiative der Mitglieder von TAMGA e.V. sowie ihrer Freunde von Trialog e.V. und der Gesellschaft der Freunde der Völker Rußlands e.V. findet man Informationen und Exponate im Heimatmuseum Gatow, in der Gedenkstätte Plötzensee (http://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/06_dt.html), im Geschichtspark Zellengefängnis Lehrter Straße gegenüber dem Berliner Hauptbahnhof und in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dem sogenannten Bendler-Block. In Lichtenberg wird dem Dichter Dschalil am 27.2. mit Gedichtrezitationen und einem Vortrag gedacht. Anschließend werden alle Gäste mit den Mitgliedern von TAMGA e.V. traditionelle tatarische Speisen zubereiten, Tee trinken und sich über zukünftige Projekte unterhalten.

In Deutschland

Von Musa Dschalil 19. Dezember 1943

Bist Du das Land, in dem einst Marx geschrieben,

das Schillers Freiheitsglut entfacht?

Gefesselt hat man mich hierher getrieben;

Zum Sklaven haben Deutsche mich gemacht.

Wo ist dein strahlendes „Rot Front!“ geblieben?

Wohin verschwand der Revolutionär?

Warum hat man mich hier brutal verprügelt,

mich, der ich gern ein Sohn der Klara wär?!

Hab ich dich etwa so mir ausgemalt,

als ich an Goethes Werken mich berauscht?

In welchem Saal in diesem Land erstrahlt

Beethovens Klang, dem ich gebannt gelauscht?

Der Heines Verse liebt, dem legt man jetzt

in Heines Heimat Eisenfesseln an,

der leckt das Eis vom Kerkergitternetz,

wo Karls und Rosas warmes Blut verrann.

Ich seh kein Sonnenlicht, seh Wolken bloß,

seh Blut und Tränen über deinem Land,

kenn deine Schlösser nicht, kenn nur ein Schloß

vor Zellen, das auch Thälmann schon gekannt.

Musa-Dshalil-Abend + Tatarische Küche am 27.2.2010 ab 18.00 Uhr in der Kiezspinne FAS.

Räxim itegez! Рэхим итегез! – Herzlich Willkommen!


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