Schloss der Pommerschen Herzöge, Stettin, 18.12.2008 – 22.3.2009
Die Tatarische Community in Polen blickt auf eine über sechshundertjährige Geschichte zurück und ist untrennbar verbunden mit der gesamt-tatarischen Geschichte: Sowohl krimtatarische, karaimische als auch kasantatarische und mongolische Geschichte ist hier miteinander verwoben. Die Mannen des Khan Toktamischs fanden 1398 Aufnahme im Großfürstentum Litauen, das erst 1387 katholisch geworden war. Sein Sohn Dschalal ad-Din verhalf mit seiner leichten Reiterei den Polen 1410 in der Schlacht bei Tannenberg zum Sieg über die schwer gepanzerten deutschen Ordensritter. Um 1424 floh auch der Tataren-Khan Uluğ Mehmed mit Gefolge in den Machtbereich von Großfürst Vytautas, der schon 30 Jahre früher Krimtataren und Karaimen von der grünen Insel am Schwarzen Meer als Palastwachen einkaufte. Seit dieser Zeit lebten schon rund 6.000 Tataren im Gebiet um Hrodno und Bialystok. Nach der russischen Eroberung der Tataren-Khanate an der Wolga und der Zurückdrängung auch der Krimtataren kamen im 16. Jahrhundert weitere Tataren und Nogay ins Land, im 17. Jahrhundert soll ihre Zahl bereits 200.000 betragen haben. Als polnische Hilfstruppen kämpften 15.000 von ihnen im Zweiten Nordischen Krieg verzweifelt gegen Russen, Schweden und ukrainische Kosaken, doch erst das Bündnis mit dem Khanat der Krimtataren (1654) rettete Polen-Litauen vor der Aufteilung. Die eingewanderten Tataren nahmen sich polnische Frauen, ohne jedoch den sunnitischen Islam aufzugeben. Abgeleitet von dem alten krimtatarischen Wort „Lipka“ für Litauen wurden sie Lipka-Tataren, also litauische Tataren genannt und erhielten Land bei Brest-Litowsk und Grodno.
Diese Geschichte und die Kultur der Lipka-Tataren anhand von Exponaten darzustellen, war das ambitionierte Vorhaben der Kuratorin des Stettiner Schlosses Frau Barbara Igielska. Die Tataren-Ausstellung soll der Beginn einer Serie sein: Auch die Armenier, Karaimen und Juden Polens  werden mit Sonderausstellungen thematisiert werden.  Im Laufe der Ausstellungvorbereitung fand Igielska  auch wissenschaftliche Berater unter den tatarischen Intellektuellen in Polen. Einer von ihnen  ist  Herr Dr. Aleksander Miśkiewicz von der Universität zu Białystok, der auch gerne die Einführungsrede zur Ausstellungseröffnung im Schloss von Stettin hielt. Die Ausstellung wird aus Mitteln des polnischen Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe gefördert.
Im großen Ausstellungsraum sind verschiedene Exponate zu sehen: Bilder, Zeichnungen, Grafiken sowie Teppiche und Kleidung, Bücher, ein Dokumentarfilm und anderes. Was einem kritischen Betrachter dabei fehlt, ist eine differenzierte Darstellung der Exponate: in dem Saal sind alle möglichen Projektionen der Eigen- und Fremdwahrnehmungen  von Tataren zusammen auf „einem Haufen“ ausgestellt. Alte Teppiche mit „islamischen“ Motiven und relativ moderne tatarische Grafiken aus Kasan finden sich neben Bildern von polnischen und deutschen Malern aus dem 17. – 18. Jahrhundert, die verschiedene Schlachtszenen mit den „historischen“ Tataren oder „Tartaren“ aus dem 13. – 15 Jh. darstellen sollen.  Die „Tataren“ sehen auf diesen militärischen Bildern oft unangenehm aus: mit bösen Gesichtern, mit schlagenden Säbeln, in dunklen Farben und definitiv gewalttätig. Ihre Gegner („Polen“, „Deutsche“) sind dagegen in hellen Farben und  sich verteidigend sowie siegreich dargestellt und sollen somit das Gute symbolisieren. Alte Militäruniformen und Waffen sind neben original orientalischer Kunst und den Schriften des Korans zu sehen.  Man bekommt so das Bild von kriegerischen, „muslimischen“, „orientalischen“ Tataren vermittelt. Hat dieses Bild aber etwas mit den realen, heutigen, gut ausgebildeten und integrierten Tataren Polens zu tun? Der Dokumentarfilm und einige Fotos aus den Privatarchiven polnischer Tataren, auf denen man ganz normale europäisch und nach ihrer Zeit angezogene Studenten, Ärzte, Ingenieure und bestimmt die Vertreter aller möglichen  anderen Berufe sieht, können das „orientalisierte“ Bild der Tataren, das aus dem Mittelalter stammt und an Edward Saids „Orientalismus-Theorie“ erinnert, nicht  verdrängen.
Ein Dilemma der polnischen Tataren schien gleich zum Auftakt der Vernissage durch die Eröffnungsgala: Tänze, Kostüme und Musik haben sich unter ihnen  nur rudimentär erhalten. So kamen die Trachten der Tanzgruppe direkt von der Krim, auch Choreografie und Musik waren importiert: Getanzt wurde krimtatarischer Kaytarma. Die tatarische Musik in dem Dokumentarfilm über die polnischen Tataren stammt aus Tatarstan und Finnland. Jedoch ist dies Teil der Rückbesinnung seit der Auflösung des Realsozialismus, auch für das Sabantuy-Fest in Danzig wurde importiert, in dem Falle von den Kasan-Tataren. Enge Beziehungen werden auch wieder zu den litauischen Tataren gepflegt…
Nimmt man nun die Ausstellung insgesamt unter dem Aspekt der Ausgewogenheit in Betracht, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Tataren Polens ihre Kultur nur in der Vergangenheit gestalteten und lebten. Sämtliche Exponate sind historisch, reichen nicht an die Jetztzeit heran. Jedoch wäre gerade die Renaissance des tatarischen geistig-kulturellen Lebens für viele Besucher mit einem Aha-Effekt verbunden gewesen: Moschee-Neubauten wie in Danzig oder Werke des erfolgreichen Kriminalschriftstellers Jerzy Edigey, historisierende Kostüme und Banner der letzten Sabantuy-Feiern neben den ausgestellten Büchern der letzten Jahre – geschrieben von tatarischen Wissenschaftlern aus Polen. Dies hätte vielleicht einen repräsentativeren Überblick geben können. Und:  Es hätte zeigen können was Herr Konopacki in seiner Begrüßungsansprache emotional und nachdrücklich anmahnte: „Die Tataren Polens sind ein lebendiger Bestandteil der polnischen Gesellschaft, leben als Muslime im Hier und Heute. Wenn in Europa die Diskussionen um den so genannten Euro-Islam nicht enden wollen, schaut hier her in die Mitte Europas, wir Tataren sind die europäischen Muslime seit vielen hundert Jahren“. Abschließend kann man sagen, dass die Ausstellung eine überfällige Beschäftigung mit den muslimischen Tataren in den öffentlichen Raum trägt, die dazu beitragen kann, interreligiöse Toleranz und Verständnis für eine multikulturelle Gesellschaft zu fördern.
Zusammen mit den tatarischen Wissenschaftlern und Aktivisten Alexander Miskiewicz, Maciej Konopacki und Frau Shahunkiewicz wird nun binnen zweier Monate der Ausstellungkatalog erstellt. Zur Finnisage soll er dann im März erhältlich sein. Gerne führen auch die Stettiner Tataren durch die Ausstellung. Die meisten von ihnen wurden während und nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit den Polen aus den Ostgebieten zwangsumgesiedelt. In Orte wie Stettin, aus denen die Deutschen flüchteten und vertrieben wurden, siedelte man polnische und tatarische Vertriebene aus der heutigen Ukraine und Belarus an.
Wir empfehlen unseren Lesern gerne, die Ausstellung in Stettin zu besuchen:
Tatarzy polscy. Historia i kultura Tatarów w Polsce
Termin: 19.12.2008 – 22.03.2009
Öffnungszeiten: täglich
Ort: Schloss Stettin/Szczecin, Galeria Gotycka, ul. Korsarzy 34
Tickets:  4 und 6 Złoty
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Mieste Hotopp-Riecke & Läisän Kälimullina

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